Rabbiners' Gedanke zur wöchentlichen Parascha
Luach 5786
Die Parascha Wajigasch (ויגש – „ und er trat heran“, wörtlich: eine bewusste innere und äußere Annäherung) gehört zu den intensivsten Momenten der Tora, nicht wegen eines Wunders oder einer politischen Umwälzung, sondern wegen eines stillen, zutiefst menschlichen Augenblicks: Ein Mensch tritt vor einen anderen und erklärt sich bereit, den Platz eines Dritten einzunehmen.
„Wajigasch elaw Jehuda“ (וַיִּגַּשׁ אֵלָיו יְהוּדָה Juda trat zu ihm heran). Der Text sagt
nicht: er trat heran, um zu argumentieren, um zu beweisen oder um zu verhandeln.
Das Verb wajigasch beschreibt zuerst eine seelische Bewegung und erst danach eine physische. Juda nähert sich Josef nicht, um zu siegen, sondern um sich zu exponieren.
Die Rede Judas ist rhetorisch nicht brillant. Sie enthält keine juristisch ausgefeilten Argumente. Im Gegenteil: Er wiederholt scheinbar unnötig dieselbe Geschichte – ein alter Vater, ein geliebter Sohn, eine Seele, die an eine andere Seele gebunden ist.
Gerade darin liegt ihre Kraft. Juda versucht nicht, Josef davon zu überzeugen, dass er recht hat. Er versucht, Josef fühlen zu lassen. Das ist ein fundamentaler innerer Schritt: weg von der Frage der Schuld (mi ascham – מי אשם, „wer ist schuld?“) hin zur Frage der Verantwortung (mi nosse be’achrajut – מי נושא באחריות, „wer trägt die Verantwortung“).
Der entscheidende Satz ist nicht der emotionalste, sondern der verpflichtendste: „Ki awdecha araw et hana’ar“ (כִּי עַבְדְּךָ עָרַב אֶת־הַנַּעַר – denn dein Knecht hat für den Jungen gebürgt; araw – ערב bedeutet hier eine existenzielle Bürgschaft, nicht bloss ein Versprechen). Das ist Verantwortung ohne Hintertür, kein Vertrag, kein taktisches Angebot, sondern eine Selbstbindung, die keinen Ausweg vorsieht.
Josef wiederum agiert in den vorhergehenden Kapiteln als vollkommener
Machthaber. Er kontrolliert Sprache, Informationen, Zeit und die Emotionen seiner Brüder. Er „verwaltet die Situation“. Doch in dem Moment, in dem Juda aufhört, das Spiel zu spielen, kann auch Josef das Spiel nicht mehr aufrechterhalten. „We-lo jachol Josef lehit’apek“ (וְלֹא־יָכֹל יוֹסֵף לְהִתְאַפֵּק – Josef konnte sich nicht mehr beherrschen; lo jachol – „er konnte nicht“, nicht „er wollte nicht“). Die Kontrolle bricht nicht zusammen, weil sie falsch ist, sondern weil sie dem Augenblick nicht mehr angemessen ist. Wahrheit entsteht hier nicht aus Information, sondern aus Beziehung.
In einer Welt wie der unseren, besonders im öffentlichen, politischen oder religiösen Raum, gibt es keinen Mangel an Menschen, die recht haben. Jeder kann erklären, warum er recht hat, warum der andere irrt und warum die Geschichte auf seiner Seite steht. Wajigasch formuliert jedoch eine scharfe Einsicht: Versöhnung beginnt nicht mit Beweisen, sondern mit der Bereitschaft, einen persönlichen Preis zu zahlen. Nur wer sagen kann: „Ich stehe hier, auch wenn es mich etwas kostet“, öffnet einen Raum für wirkliche Veränderung.
Wajigasch ist daher keine Erzählung über Ägypten, Hungersnot oder einer antiken Familie. Es ist eine Erzählung über jene Momente, in denen ein Mensch aufhört sich hinter einer Rolle, einer Ideologie oder einer abstrakten Gerechtigkeit zu verstecken, und sich nähert – einem Menschen, einem Schmerz, einer Verantwortung. In diesem Sinne ist dies eine der aktuellsten Paraschiot unserer Zeit. Solange wir nur „über“ etwas sprechen, können wir distanziert bleiben. In dem Moment jedoch, in dem wir herantreten – wajigasch – muss etwas zerbrechen. Und vielleicht kann genau daraus etwas Neues entstehen