Rabbiners' Gedanke zur wöchentlichen Parascha
Luach 5786
Die Parascha Mischpatim: Spiritualität im Kleingedruckten
Die Wochenabschnitt Mischpatim erreicht uns unmittelbar nach dem mystischen Höhepunkt der Offenbarung am Berg Sinai. Der Übergang ist abrupt: Von Gottes Donner und Blitzen hin zu einer scheinbar grauen Auflistung von Schadensersatzrecht, Dienstbotenregelungen und Darlehen. Aus moderner Sicht liegt die Schwierigkeit nicht in den Gesetzen selbst, sondern in unserer Tendenz, zwischen „Spiritualität“ und „Bürokratie“ zu trennen.
Wir sind es gewohnt, Gott in Momenten der Erhebung zu suchen, in der Meditation oder im innigen Gebet. Diese Parascha lehrt uns jedoch: Das Heilige liegt in den Details des Standardvertrags. Die Göttlichkeit bleibt nicht auf dem Berg; sie steigt herab in die Frage, wer zahlt, wenn ein Ochse eine Kuh stösst, oder wie man seinen Leiharbeiter behandelt.
Die zentrale Botschaft ist, dass Moral kein abstraktes Gefühl von „Nächstenliebe“ ist, sondern ein System konkreter Verpflichtungen. In einer Welt von „Post-Wahrheit“ und moralischer Beliebigkeit erinnert uns Mischpatim daran, dass die wahre Prüfung eines Menschen nicht in seiner Fähigkeit liegt, sich von religiösen Texten rühren zu lassen, sondern in seiner Fähigkeit, einen Nachbarschaftsstreit fair zu lösen.
Anstatt nach dem Wunder zu suchen, schlägt die Parascha vor, die Gerechtigkeit im Alltag zu finden. Die wahre Revolution vom Sinai ist nicht das Feuer, das vom Himmel fiel, sondern die Fähigkeit, dieses Feuer in unser Rechts- und Wirtschaftssystem zu bringen.
Im Gegensatz zu vielen Religionen, die das „trockene Gesetz“ als rein weltliche Notwendigkeit zur Vermeidung von Anarchie betrachten, begreift die Tora das Recht als Kern der Spiritualität. In den Jeschiwot (Talmud-Schulen) studiert man nicht nur abstrakte Theologie, sondern analysiert tiefגgehend finanzrechtliche Fragen. Dies geschieht aus dem Verständnis heraus, dass die Schechina – die göttliche Gegenwart – gerade in den Feinheiten der rechtlichen Verantwortung wohnt.
Zwei Schwerpunkte der Parascha verdeutlichen dies: der Umgang mit dem Fremden und die Rückgabe von Verlorenem. Das Verbot „Einen Fremden sollst du nicht bedrücken“ ist keine blosse Höflichkeitsempfehlung, sondern eine rechtliche Verpflichtung gegenüber dem schwächsten Glied der Kette. Es ist eine tiefgreifende gesellschaftliche Korrektur: die Fähigkeit, den Fremden nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als jemanden, der kraft göttlichen Gebots absoluten Schutz geniesst.
Gleichzeitig lehrt uns das Gebot der Rückgabe verlorener Gegenstände (Haschavat Aveda), dass das Eigentum des Anderen nicht vogelfrei ist, sobald es dessen Besitz verlässt. Es ist eine Forderung nach aktiver Wachsamkeit – es reicht nicht aus, „nicht zu stehlen“; man muss seine Komfortzone verlassen, um das Vermögen seines Mitmenschen zu retten.
Die Tiefe, die in den Lehrhäusern studiert wird, beweist, dass das jüdische Recht keine blosse „soziale Ordnung“ ist. Es ist ein System, in dem juristische Präzision Gottesdienst ist. Heiligkeit ist nicht von der Realität losgelöst; sie offenbart sich gerade in der Integrität zwischen Menschen, im Arbeitsvertrag und in der Fürsorge für diejenigen, die im System keine Stimme haben.