Rabbiners' Gedanke zur wöchentlichen Parascha
Luach 5786
Der Weg zum „Noch-Nicht“
Die Torah gebietet uns im Buch Levitikus (Wajikra 23,15): „Und ihr sollt euch zählen vom Tag nach dem Schabbat... sieben vollständige Wochen sollen es sein.“ Neunundvierzig Tage liegen zwischen Pessach und Schawuot — zwischen dem Auszug aus Ägypten und der Offenbarung am Sinai. Diese Zeit hat einen fast schon schlichten Namen: Die Zählung. Kein grosses Fest, keine Feier — nur das bewusste Abzählen der Tage.
In ihrer ursprünglichen Bedeutung war die Zeit des Omer eine Zeit bäuerlicher Anspannung. Die Ernte lag noch auf den Feldern, der Segen war noch nicht sicher. Die Gerstenmenge, die im Tempel dargebracht wurde, war die Bedingung, unter der die neue Frucht überhaupt verzehrt werden durfte. Das Materielle und das Heilige berührten sich hier auf untrennbare Weise.
Doch die Weisen sahen in diesen Tagen mehr als nur eine Ernte-Kalkulation. Sie lehrten, dass das Volk Israel die Tage aus tiefer Sehnsucht zählte — ke'eved hamechakke le'adono — wie ein Knecht, der auf seinen Herrn wartet. Denn man wusste: Die Freiheit allein ist noch keine Erlösung. Der Auszug aus Ägypten ist eine Befreiung von etwas; die Tora ist eine Befreiung zu etwas. Zwischen diesen beiden Polen liegen neunundvierzig Tage des Werdens.
Die Kabbalisten machten aus dieser Zwischenzeit eine Schule der Innenschau. Sieben Wochen, sieben Sefirot, sieben moralische Qualitäten, die der Mensch in sich bearbeiten soll — Güte, Strenge, Schönheit und so weiter — bis er würdig ist, die Torah zu empfangen. Die Zählung ist kein Warten im leeren Raum, sondern eine Übung in Verwandlung.
Und dennoch sind diese Tage auch Tage der Trauer. Die Überlieferung berichtet, dass 24.000 Schüler von Rabbi Akiwa zwischen Pessach und Schawuot starben — weil sie einander nicht mit Respekt begegneten. Hier zeigt sich ein erschütterndes Paradox: Ausgerechnet auf dem Weg zur Torah, ausgerechnet unter den Schülern des grössten Lehrers seiner Generation, brach eine Seuche aus, die eine ganze Epoche auslöschte. Die Sehnsucht nach dem Höchsten war da — doch die Fähigkeit, die Lücke zwischen sich und dem Nächsten auszuhalten, fehlte.
Diese Gefahr der „Schüler von Rabbi Akiwa“ existiert in jeder grossen Ideologie. Wenn Menschen nach dem absoluten Licht streben — sei es die Torah, eine Utopie oder die absolute Gerechtigkeit — passiert es leicht, dass sie den konkreten Menschen vor sich entwerten. Man verliert den Blick für den anderen, wenn er nicht „perfekt“ genug erscheint oder die Wahrheit ein klein wenig anders interpretiert.
Hier trifft ein moderner Gedanke auf eine alte Wahrheit. Der Philosoph Ernst Bloch schrieb in seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“: „Das Noch-Nicht-Bewusste ist der wichtigste Teil des menschlichen Geistes.“ Nicht die Erinnerung, sondern die Erwartung definiere den Menschen — jene innere Ausrichtung auf eine Zukunft, die noch nicht greifbar ist. Das „Noch-Nicht“ ist bei Bloch kein Mangel, sondern eine Kraft.
Genau das übt die Omerzählung ein. Jede einzelne Zählung ist unvollständig — auch nach 48 Tagen sind wir noch nicht am Ziel. Und dennoch zählen wir, halten täglich inne und bewahren in uns eine Wirklichkeit, die noch nicht eingetroffen ist. Das ist keine Flucht aus der Gegenwart, sondern ihre Vertiefung: Ein Mensch, der weiß, wohin er geht, lebt anders als einer, der bloss treibt.
Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel zum Schicksal der Schüler von Rabbi Akiwa. Sie konnten das „Noch-Nicht“ nicht mit Würde tragen. Wer nach dem Absoluten strebt, vergisst oft, dass der Weg dorthin über unvollkommene Menschen führt. Ihre Sehnsucht verwandelte sich in Ungeduld, die Ungeduld in Rivalität und die Rivalität in Verachtung für diejenigen, die das Ziel scheinbar aufhielten. Wer die Lücke nicht erträgt — wer den anderen nicht als Gefährten auf demselben unvollendeten Weg sehen kann — der zerstört am Ende das, worauf er gewartet hat.
Die Omerzählung lehrt uns daher nicht nur zu warten, sondern richtig zu warten: Im Bewusstsein des eigenen Mangels, mit tiefem Respekt gegenüber dem realen Menschen an unserer Seite und in dem Vertrauen, dass die neunundvierzig Tage des „Noch-Nicht“ selbst — mit all ihrer Komplexität — ein unverzichtbarer Teil der Erlösung sind.