Rabbiners' Gedanke zur wöchentlichen Parascha
Luach 5786
Paraschat Balak
Der Wochenabschnitt Balak ist eine seltsame Parascha. Sie schildert ein politisches und mystisches Drama, das sich vollständig hinter den Kulissen der Wüstenwanderung abspielt, ohne dass das Volk Israel auch nur das Geringste davon ahnt. Balak, der König von Moab, ist über das Vorrücken des Volkes tief besorgt und engagiert Bilam – einen professionellen Verflucher und Propheten mit besten Kontakten zu höheren Welten –, um den Vormarsch in das Gelobte Land zu stoppen. Bilam stellt zwar von Anfang an klar, dass er nur das sprechen werde, was Gott ihm in den Mund legt. Dennoch versuchen er und Balak immer wieder, verschiedene Aussichtspunkte auf das in der Wüste lagernde Volk Israel zu erreichen, um die „richtige Inspiration“ für einen wirksamen Fluch zu erlangen. Doch diese Inspiration bleibt aus. Stattdessen stellt sich der Geist des Segnens ein, und aus Bilams Mund kommen immer wieder aussergewöhnliche Segensworte und Lobpreisungen über das Volk Israel.
Dieser Versuch, das Volk zu verfluchen, birgt einen tiefen inneren Widerspruch. Die Propheten und der Tanach selbst glauben schliesslich fest daran, dass alles vom Schöpfer gelenkt wird. Er ist es, der dieses Volk erwählt, es aus Ägypten geführt hat und es nun durch die Wüste leitet. Wenn Balak und Bilam sich also eines himmlisch-mystischen Systems bedienen, wie können sie dann erwarten, gegen die Beschlüsse genau dieses Systems zu agieren? Wie genau soll ein Fluchmechanismus gegen ein Volk wirken, das vom Schöpfer selbst geführt wird? Es gibt viele Kommentare, die Bilams mystische Kräfte und deren Dynamik im Vergleich zu den Kräften von Mosche zu erklären versuchen. Doch die faszinierende Tatsache bleibt, dass das Volk selbst seinen Alltag fortsetzte – völlig ahnungslos gegenüber den dämonischen Kräften, die man hinter den Bergen gegen es aufzubieten versuchte und deren Bemühungen letztlich scheiterten.
Wenn das Volk nun von all dem nichts wusste, stellt sich die Frage, warum Mosche diese Geschichte überhaupt in seinem Buch festhält. Der Talmud merkt in der Tat an, dass Mosche sein Buch und die „Parascha Bilam“ schrieb – gleichsam als eine separate, eigenständige Einheit eines anderen Propheten, die in die Torah Mosches eingebettet ist. Einerseits liegt hier ein Element der klassischen „Geschichtsschreibung der Gewinner“ vor: Da der fremde Prophet mit seiner Mission scheiterte, wurde die Geschichte aufgenommen, um zu zeigen, dass Mosches Kraft und Führung grösser sind als die eines fremden Propheten.
Andererseits steckt dahinter eine weitaus tiefere Botschaft: Ignoriere deine Konkurrenten nicht, und wenn sie etwas Wahres gesagt haben, dann nimm es in dein Buch auf. Vier prophetische Abschnitte aus dem Mund Bilams tauchen in der Torah auf. Da Bilam ein Konkurrent ist, vermeidet er es peinlichst, Mosche auch nur namentlich zu erwähnen. Stattdessen konzentriert er sich ganz auf die präzise Beschreibung des Volkes und seiner Verbindung zu Gott. Der Segen „Wie schön sind deine Zelte, Jakob“ (Ma Towu“) ist zu einem integralen Bestandteil des jüdischen Gebetbuchs (Siddur) geworden und ist (in vielen Traditionen) der erste Satz, den man morgens beim Betreten der Synagoge spricht. Mosche wiederum beweist wahre Seelengrösse: Er zensiert die Worte des fremden Propheten nicht, sondern integriert sie in das Buch. Damit lehrt er uns, dass gerade der Blick eines aussenstehenden Konkurrenten manchmal eine tiefgründige Wahrheit über uns formulieren kann – so sehr, dass Bilams Redewendungen bis heute zu Grundsteinen unseres jüdischen Erbes und unserer Gebete wurden.
Paraschat Pinchas
In dieser Parascha erzählt uns die Torah von fünf jungen israelitischen Frauen, den Töchtern von Zelafchad, Anspruch auf Gleichheit im Erbe erheben. Kann die feministische Bewegung am Bild dieser fünf festhalten und sie als Vorboten betrachten?
Die unmittelbare Antwort scheint positiv: In einer Welt, mit Erbrecht nur für Männer stehen diese fünf Frauen auf und fordern dieselbe Erbberechtigung wie die Männer. Mosches stand verlegen vor ihrem revolutionären Anspruch und brachte die Frage vor Gott. Gott antwortet ihm: Ja! Sie haben recht. Gebt ihnen das Erbe.
Aber sehen wir uns an, wie das Gesetz angepasst wurde: Wenn ein Mann stirbt, wird das Erbe seinem Sohn gegeben, Und nur wenn er keine Söhne hat, wird das Erbe den Töchtern gegeben. Das bedeutet: Es gibt immer noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Nachfolgeordnung, die nur männliche Linien berücksichtigt, dient der Erhaltung des Familieneigentums, insbesondere des Grundbesitzes, der dadurch nicht zerstreut und nicht auf andere Familien übertragen wird. In den folgenden Kapiteln heisst es auch, dass die fünf Frauen Männer aus ihrem Stamm heirateten, damit das Erbe nicht an einen anderen Stamm überging. Es sei daran erinnert, dass die Torah von Grundbesitz im Land Israel spricht. Die Zuordnung zu diesem Besitz erfolgte ähnlich den Besitztümern von Königen und Adel in Europa über die Jahrhunderte. Land wird nicht ohne Grund von einer Familie an die andere weitergegeben.
Dennoch war in einer alten patriarchalischen Welt diese Regelung ein deutlicher Fortschritt auf dem Weg zur Gleichheit der Geschlechter, ja sogar ein Durchbruch, und die Thorah erzählt davon! Sie bedeutet damit, dass die Richtung stimmt.
Zelafchads Töchter sind mit ihren Namen genannt: Machlecha, Noa, Hagla, Milkha und Tertza. Und sie werden in der Torah als mutig dargestellt, als eigensinnige Menschen, die etwas zu sagen hatten. Die Menge verstummte, als die jungen Frauen sprachen. Mosches verstummte ebenfalls. Und Gott hörte auch zu und sagte: Sie haben Recht.
Dennoch gibt es hier eine grundlegende Botschaft: Der gesellschaftliche Wandel geht nicht mit „Hokuspokus“ einher, eine schnelle Revolution ist nicht von Dauer. Eine schrittweise Entwicklung ist erforderlich, und die Torah gibt Raum für diese soziale Entwicklung, die später erfolgen wird. Heutzutage erhalten auch bei den Orthodoxen die Töchter den gleichen Anteil am Erbe wie die Söhne.