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Erfahren Sie mehr über uns

Die Jüdische Gemeinde St. Gallen wurde im Jahr 1863 gegründet und hat eine lange bewegte Geschichte. Heute ist sie eine öffentlich-rechtlich anerkannte Einheitsgemeinde mit ca. 120 Mitgliedern. 

Zur Gemeinde gehören die sehr schöne Synagoge im maurischen Stil aus dem Jahr 1881, das Gemeindehaus und ein jüdischer Friedhof mit Abdankungshalle und Tahara-Raum für die Waschung der Verstorbenen. 

Der Vorstand verantwortet die Geschicke der Gemeinde gegen innen und aussen in enger Zusammenarbeit mit dem Rabbiner und verschiedenen Kommissionen. Der Rabbiner leitet die Gottesdienste und den Religionsunterricht für Kinder und  gibt Kurse für Erwachsene. Er ist vertrauliche Ansprechperson und kümmert sich insbesondere auch um die Nöte von kranken und alten Mitgliedern.  

Gottesdienste werden an Schabbat, den Feiertagen, an Bat Mizwa und Bar Mizwa und an Hochzeiten abgehalten.

Der Gemeindesaal wird bei Festfeiern wie Channukka, Purim und Pessach, sowie für Kidduschim, Lern- und Kulturveranstaltungen rege genutzt.Verschiedene Vereine wie der jüdische Frauenverein, die Chewra Kadischa, wie auch die CJA (Christlich Jüdische Arbeitsgemeinschaft Ostschweiz), Gesellschaft Schweiz-Israel Ostschweiz, Kiriath Yearim (Schweizer Kinderdorf in Israel) und der Runde Tisch der Religionen sind öfters zu Gast in den Gemeinderäumlichkeiten.  

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Adresse

Jüdische Gemeinde St. Gallen
Frongartenstrasse 16
9000 St. Gallen
jgsg@gmx.ch
071 222 71 55

Rabbiners' Gedanke zur wöchentlichen Parascha

Es ist heiss... immer noch Sommer, und selbst für mich als Israeli ist das nicht leicht. Es ist sogar noch schwieriger, weil in Israel praktisch jedes Heim klimatisiert ist – was in Europa vielerorts immer noch ungewohnt oder gar unüblich ist. Aber das wird kommen, zweifellos, mit der von Jahr zu Jahr fortschreitenden globalen Erwärmung. Und wie alle frage ich mich: Was wird werden? Wir arbeiten so hart daran, die menschliche Gesellschaft zu gestalten und zum Besseren zu verändern, und manche von uns bemühen sich auch, das zu korrigieren, was der Mensch in seiner Dummheit in den letzten 150 Jahren im natürlichen Gleichgewicht der Erde verunstaltet hat. Und es gibt eine Verbindung zwischen diesen beiden Themen, und sofort wird es wie üblich politisch: Wer eine „grüne“ Einstellung hat, vertritt meist auch bestimmte politische Ansichten. Was also wird werden?

 

Diese und weitere Gedanken begleiten mich in den letzten Wochen, und nun beenden wir die Sommerpause und nehmen den Synagogenbetrieb sowie das Gemeindeleben wieder auf. Am kommenden Schabbat kündigen wir die Ankunft des Monats „Elul“ an, des Monats der Barmherzigkeit und der Vergebung nach jüdischem Glauben, im Vorfeld von Rosch Haschana, an dem sich die Schöpfung jedes Jahr aufs Neue erneuert.

 

Die jüdische Tradition besagt, dass auch wir Menschen uns erneuern müssen. Eigentlich nicht „auch“, sondern „nur“ und vor allem wir sollen unseren Kurs in Bezug auf unser Verständnis der Schöpfung – der physischen, der geistigen und der sozialen – neu berechnen.

 

Und plötzlich erinnerte ich mich an eine ganz besondere Persönlichkeit, die vor dreiundachtzig Jahren auf dieser Erde lebte. Ihr Name war Etty Hillesum. Ich bin sicher, dass einige von Ihnen bereits von ihr gehört und vielleicht auch ihre Tagebücher gelesen haben, die einen einzigartigen Weg tiefer innerer Entwicklung inmitten des Grauens der Schoa erhellen. Wenn Sie dieses Buch noch nicht besitzen, sollten Sie es sich unbedingt besorgen.

 

Hillesum (15. Januar 1914 in Middelburg, Niederlande; † 30. November 1943 im KL Auschwitz) war eine niederländisch-jüdische Autorin und Denkerin. Ihre Tagebücher und Briefe, die sie zwischen 1941 und 1943 verfasste, machten sie postum weltweit bekannt.

 

Hillesum glaubte fest daran, dass die äussere Unfreiheit die innere Freiheit des Menschen nicht zerstören kann. Trotz der Verfolgung baute sie in sich selbst einen Raum des Friedens und des Glaubens auf. Sie weigerte sich, Hass gegen die Unterdrücker zu empfinden. Für sie führte Hass nur zu einer Spirale der Zerstörung. Stattdessen entschied sie sich für die Liebe zu allen Menschen und versuchte, das Leid anderer im Durchgangslager Westerbork zu lindern.

 

Hillesum hatte einen optimistischen, göttlichen Blick auf das gesamte Universum. Auf Hebräisch heisst ihr Buch „Der Himmel in mir“ (im Deutschen bekannt unter dem Titel „Das denkende Herz der Baracke“), und viele in Israel folgen ihren Schriften und gründen Diskussions- und Lerngruppen um ihre Lehre. Ihre Religiosität war undogmatisch und individuell. Sie sah Gott nicht als eine Macht, die das Leid verhindert, sondern als eine Präsenz im Inneren des Menschen, die man beschützen und bewahren muss. Selbst angesichts des bevorstehenden Todes verlor sie nie den Blick für die Schönheit der Welt und der Natur. Sie betrachtete das Leben trotz allem als etwas Wertvolles und Ganzheitliches.

Hillesum schrieb: „Man muss die innere Welt ebenso ernst nehmen wie die äussere.“ Das bedeutet: Selbst in den dunkelsten Zeiten und unter extremstem Druck behält der Mensch die Freiheit zu wählen, wie er geistig und seelisch auf das Leid reagiert. Hass ist keine Lösung für Unrecht. Wahre Stärke zeigt sich in der Fähigkeit zu vergeben und die menschliche Würde zu bewahren.

 

Wie macht man das? Darüber lesen wir an diesem Schabbat den Leseabschnitt „Re’eh“, der mit dem Vers beginnt: „Siehe, ich lege euch heute Segen und Fluch vor.“ Die Wahl liegt in unserer Hand, ob wir die gesamte Wirklichkeit als „Segen“ oder als Fluch annehmen und betrachten. Die klassischen Kommentatoren weisen bereits darauf hin, dass der Vers mit einer persönlichen Anrede im Singular beginnt und sofort im Plural fortfährt. Dies lehrt uns, dass die Entscheidung bei jedem Einzelnen liegt, wie er die Wirklichkeit betrachtet, und davon hängt ab, wie die gesamte Gesellschaft und die uns umgebende Naturwelt aussehen werden.

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