



Erfahren Sie mehr über uns
Die Jüdische Gemeinde St. Gallen wurde im Jahr 1863 gegründet und hat eine lange bewegte Geschichte. Heute ist sie eine öffentlich-rechtlich anerkannte Einheitsgemeinde mit ca. 120 Mitgliedern.
Zur Gemeinde gehören die sehr schöne Synagoge im maurischen Stil aus dem Jahr 1881, das Gemeindehaus und ein jüdischer Friedhof mit Abdankungshalle und Tahara-Raum für die Waschung der Verstorbenen.
Der Vorstand verantwortet die Geschicke der Gemeinde gegen innen und aussen in enger Zusammenarbeit mit dem Rabbiner und verschiedenen Kommissionen. Der Rabbiner leitet die Gottesdienste und den Religionsunterricht für Kinder und gibt Kurse für Erwachsene. Er ist vertrauliche Ansprechperson und kümmert sich insbesondere auch um die Nöte von kranken und alten Mitgliedern.
Gottesdienste werden an Schabbat, den Feiertagen, an Bat Mizwa und Bar Mizwa und an Hochzeiten abgehalten.
Der Gemeindesaal wird bei Festfeiern wie Channukka, Purim und Pessach, sowie für Kidduschim, Lern- und Kulturveranstaltungen rege genutzt.Verschiedene Vereine wie der jüdische Frauenverein, die Chewra Kadischa, wie auch die CJA (Christlich Jüdische Arbeitsgemeinschaft Ostschweiz), Gesellschaft Schweiz-Israel Ostschweiz, Kiriath Yearim (Schweizer Kinderdorf in Israel) und der Runde Tisch der Religionen sind öfters zu Gast in den Gemeinderäumlichkeiten.
Rabbiners' Gedanke zur wöchentlichen Parascha
Der Wochenabschnitt „Ki Teze“ umfasst eine breite Palette an Gesetzen und Geboten, die sich mit menschlicher Moral, sozialer Gerechtigkeit und den Beziehungen zwischen Menschen befassen. Eines der zentralen Themen der Parascha ist der Umgang mit menschlichen Konflikten: Kriege, zwischenmenschliche Beziehungen und Sünden. Aus diesen Geboten kann eine tiefere philosophische Einsicht gezogen werden, die den inneren Kampf des Menschen und seine Fähigkeit, mit seinen Trieben umzugehen, betrifft.
Die Parascha beginnt mit den Worten: „Wenn du zum Krieg gegen deine Feinde ausziehst“ (Dtn 21,10). Auf der oberflächlichen Ebene des Pschat (des wörtlichen Textsinns) geht es um einen physischen Krieg – den Krieg der Gemeinschaft Israels gegen ihre äusseren Feinde. Doch auf einer tieferen Ebene kann man darin auch einen eindeutigen Hinweis auf den inneren Kampf sehen, der sich in der Seele eines jeden Menschen abspielt: den ständigen Kampf gegen den Jetzer ha-Ra (den bösen Trieb), gegen schlechte Eigenschaften und persönliche Schwächen. Moses Maimonides (der Rambam) beschreibt diesen inneren Kampf als noch schwieriger und komplexer als den Kampf gegen einen Feind aus Fleisch und Blut, da er vom Menschen kontinuierliche Anstrengung, hohe Selbstwahrnehmung und unnachgiebige Beständigkeit verlangt.
Später in der Parascha begegnet uns das Gebot der „Jefat Toar“ (der Kriegsgefangenen von aussergewöhnlicher Schönheit), in dem die Tora einem Mann erlaubt, eine nichtjüdische Frau im Krieg zu nehmen, dies jedoch an eine lange Reihe von Bedingungen und Einschränkungen knüpft. Die Weisen (Chaschal) erklären, dass dieses Gebot auf der Erkenntnis beruht, dass sich der Mensch in Zeiten des Krieges in einem Zustand geistigen Niedergangs und seelischer Schwäche befindet und sich leicht von seinen Leidenschaften hinreissen lässt („Die Tora sprach nur im Hinblick auf den bösen Trieb“). Dennoch gibt die Tora den Menschen nicht auf und überlässt ihn nicht seinen Trieben, sondern führt ihn schrittweise auf einen moralischeren und würdevolleren Weg. Hier zeigt sich eine tiefgründige philosophische Sichtweise – ein einfühlsames Verständnis für die menschliche Schwäche, gepaart mit der Forderung, sich ihr Schritt für Schritt zu stellen.
Dieser Gedanke steht im Einklang mit modernen philosophischen Konzepten des inneren Kampfes. Friedrich Nietzsche zum Beispiel sprach vom ständigen Kampf des Menschen, die Stufe des „Übermenschen“ zu erreichen, indem er seine Leidenschaften und Schwächen überwindet, um sich auf eine höhere existenzielle Ebene zu erheben. Auch der griechische Philosoph Platon beschäftigte sich mit der ständigen Spannung zwischen Leidenschaft und Vernunft und behauptete, dass wahre Weisheit darin besteht, ein Gleichgewicht und eine Harmonie zwischen diesen Kräften herzustellen.
Die jüdische Philosophie – im Gegensatz zur christlichen Auffassung im Allgemeinen – fügt dieser Auseinandersetzung eine einzigartige Dimension hinzu: Sie sieht den Menschen nicht als von Natur aus sündhaft an, und er benötigt gewiss keine äussere „Erlösung“ durch eine messianische göttliche Gestalt. Die Tora fordert den Menschen nicht auf, seine Triebe völlig zu unterdrücken, zu eliminieren oder zu ignorieren, sondern sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie in positive Bahnen zu lenken und Schwächen in Stärken zu verwandeln.
Zu dem bekannten Vers „Und du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“ legten unsere Weisen aus: „Mit deinem ganzen Herzen – mit deinen beiden Trieben“, also sowohl mit dem Jetzer ha-Tov (dem guten Trieb) als auch mit dem Jetzer ha-Ra (dem bösen Trieb). Mit beiden zusammen und gleichzeitig soll man Gott dienen, denn Er hat in uns sowohl die positiven als auch die negativen Neigungen erschaffen. Unser Kampf dient nicht nur als Werkzeug zur Zügelung des bösen Triebs, sondern bildet den zentralen Motor für einen Prozess des ständigen Wachstums, der Korrektur (Tikun) und der geistigen Erhebung. Dies ist ein Lebenswerk. In diesem Monat Elul bemüht sich der Jude, sich zu bessern und zu korrigieren, während er das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Kräften sucht, die ihn ausmachen.
© 2026 by JGSG